Altes Testament 2
print

Sprachumschaltung

Navigationspfad


Inhaltsbereich

Forschung

1. Exegese, Theologie und Hermeneutik des Alten Testaments

Die übergreifende Forschungsperspektive des Lehrstuhls bildet die Exegese des Alten Testaments unter besonderer Berücksichtigung seiner Theologie(n). Texte und größere literarische Kompositionen werden unter dem Gesichtspunkt ihrer theologischen Konzeptionen rekonstruiert und im Rahmen der Literatur- und Theologiegeschichte der Hebräisch-aramäischen Bibel kontextualisiert. Dabei richtet sich über die Bandbreite der Literaturen und Theologien hinweg der Blick vor allem auf sich im werdenden Kanon immer schärfer abzeichnende text- und traditionsübergreifende Verbindungslinien zwischen Tora, Nebiim und Ketubim (exemplarisch etwa die sogenannte „Gnadenformel“ Ex 34,6f und ihre Parallelstellen in Prophetie und Psalmen). Die der Gestaltwerdung des Kanons inhärente Ausbildung reflektierter „Summen“ alttestamentlicher Rede von Gott soll schärfer sichtbar und genauer beschrieben werden. Damit unlöslich verbunden ist die weiterreichende hermeneutische Frage nach dem Stellenwert alttestamentlicher Aussagen über das „Wesen JHWHs im Wandel“. Ziel ist eine monographische Darstellung der „Theologie des Alten Testaments“ aus christlicher Perspektive (Hartenstein). Hiermit verbinden sich Forschungsfragen zu innertheologisch interdisziplinären Problemen (Krise des Schriftprinzips, Kanonbegriff: zweiteilige christliche Bibel, text- und symbolhermeneutische Grundfragen, v.a. im Rückgriff auf Paul Ricœur), aber auch zur Ästhetik des Alten Testaments (Metapherntheorie im Anschluss etwa an Hans Blumenberg, Theorien der Bildlichkeit und der Imagination im Licht des „iconic turn“). Ein Habil.-Projekt widmet sich Fragen der Kanonizität und der frühjüdischen Schriftauslegung anhand der Propheten- und Psalmenrezeption im Buch Jesus Sirach (Brodersen).

2. Besonderer Fokus auf Psalmen- und Prophetenforschung

Detaillierte Forschungen gelten der Schriftprophetie und dem Psalter. Das Interesse beteiligter Personen galt bisher vor allem dem Jesajabuch: Seiner literarischen Genese (mit dem Fokus auf den protojesajanischen Anfängen [Hartenstein, Kreuch] sowie den späteren Straten des Buches [Ehring: Deuterojesaja, Gärtner: sog. „Tritojesaja“]). Dabei wird das Verhältnis von Unheils- und Heilsaussagen im Kontext der altorientalischen Kulturen erforscht (assyrische Zeit 8./7. Jh. v.Chr.: Hartenstein, Kreuch; babylonische/frühpersische Zeit: 6./5. Jh.: Ehring). Die am Lehrstuhl verfolgte Forschungshypothese geht von Unheils- und Gerichtsaussagen als dem ältesten greifbaren Stratum prophetischer Literatur aus, wobei es deren nicht in der historischen Ausgangssituation aufgehender Sinnüberschuss ist, der die Verschriftung und Buchwerdung vorantreibt (Modell des „Archivs“ des Königsgottes JHWH zur Erfassung der Eigenart schriftprophetischer Fortschreibung). Einen zweiten Forschungsschwerpunkt bildet der Psalter (Langzeitprojekt des umfangreichsten deutschsprachigen Kommentars zu den Psalmen: Neubearbeitung im Rahmen des BK.AT [Hartenstein, zusammen mit B. Janowski, Tübingen]). Hier werden textgeschichtliche, literarhistorische, formgeschichtliche und theologische Fragen der Psalmenexegese in den Blick genommen. Bisherige Arbeiten am Lehrstuhl beleuchten etwa psalterübergreifende Hintergrundvorstellungen (Audienz vor JHWHs „Angesicht“ [Hartenstein]) oder die Bedeutung der sog. „Geschichtspsalmen“ für die Komposition des Psalters (Habil.-Schrift Gärtner). Eine Dissertation zur „Gnadenformel“ im Psalter anhand von Ps 103 schließt nahtlos an (Fiß) und führt die Fragen nach theologischen Leitvorstellungen des Psalters weiter. Ein weiteres Dissertationsprojekt untersucht die Bedeutung der Psalmen für die Struktur und Thematik des Hiobbuchs (Gschwind).

3. Religionsgeschichte Israels im altorientalischen Kontext

Komplementär zur Frage nach einer „Theologie des Alten Testaments“ steht die Rekonstruktion der Religionsgeschichte Israels aus biblischen Texten und außerbiblischen Quellen (Texte und Artefakte). Diese übergreifende Forschungsperspektive wird bei den genannten exegetischen Schwerpunkten immer mit berücksichtigt. Dazu werden am Lehrstuhl auch Einzelstudien erarbeitet, die auf altorientalisches Text- und Bildmaterial für das Verständnis alttestamentlicher Texte zurückgreifen (ein ab 2017 geplantes Dissertationsprojekt widmet sich der archäologischen Bestandsaufnahme und exegetisch-religionsgeschichtlichen Bewertung der „anikonischen“ Mazzeben/Steinmale). Stets stehen auch methodologische Fragen des religionsgeschichtlichen Vergleichs mit im Fokus. Ein mittelfristiges Projekt ist die Abfassung einer konzisen Darstellung der Religionsgeschichte Israels von den Anfängen bis in persische Zeit (C. H. Beck Wissen [Hartenstein]). Archäologische Quellen aus Palästina, altorientalische Textzeugnisse und alttestamentliche Literaturgeschichte werden für das Verständnis der Herausbildung des Monotheismus im Alten Israel zusammengeführt.

4. Theorien der Bildlichkeit, altorientalische Ikonographie und Altes Testament

Einen wichtigen interdisziplinären Schwerpunkt des Lehrstuhls, in dem sich hermeneutische, exegetische und religionsphilosophische/theologische Interessen bündeln, stellen Fragen von Bildern und Bildlichkeit im Licht des „iconic turn“ der Kulturwissenschaften dar. In einer interdisziplinären Arbeitsgruppe mit systematischen Theologen (Moxter, Hamburg, Stoellger, Rostock/Heidelberg) wurde zum Verhältnis von „Bild und Zeit“ (DFG-Projekt) geforscht. Aus alttestamentlicher Perspektive tragen dazu vor allem Untersuchungen zur vorderen und hinteren Sinaiperikope des Exodusbuches bei (Ex 19-24 und 32-34). Ein Dissertationsprojekt (Kühn) beschäftigt sich mit der berühmten Theophanie JHWHs im „Vorübergehen“ vor Mose in Ex 33,18ff, wobei neben exegetischen auch neuere bildtheoretische Sichtweisen zu Präsenz und Entzug zum Tragen kommen. Aus einer alttestamentlich-systematisch-theologischen Arbeitsgemeinschaft ging ein Monographie zur „Hermeneutik des Bilderverbots“ hervor [Hartenstein, Moxter]). Seit der Habilitationsschrift des Lehrstuhlinhabers bilden materiale und methodologische Fragen altorientalischer Ikonographie einen wichtigen Arbeitsschwerpunkt (Hartenstein, Angesicht JHWHs). Weitere Studien sind erschienen (Neumann-Gorsolke, Wer ist der Herr der Tiere?) oder in Arbeit (zum Motiv des „Heiligen Baumes“ bzw. Weltenbaums [Neumann-Gorsolke]). Ein in Vorbereitung befindliches umfangreiches Vorhaben ist eine neuartige Zusammenstellung altorientalischer Bilder in einem Atlas, der auch grundlegende Beiträge zur Einordnung und zum Verständnis ikonographischer Zeugnisse des Vorderen Orients enthält. Vorbild dieser „Bilder aus der Umwelt des Alten Testaments“ (BUAT, entsprechend TUAT[.NF]) sind die älteren Bildwerke von Gressmann (AOB) und Pritchard (ANEP). Die Verwirklichung dieses Vorhabens ist im größeren Kontext eines seit 2016 mit Adelheid Otto (Lehrstuhlinhaberin Vorderasiatische Archäologie) und Elisa Rossberger (ebenfalls VA) begonnenen Langzeitprojektes geplant (internet-basiertes „Annotated Corpus of Ancient Near Eastern Imagery" [ACANEI]).